English Football: Hard – Harder – Hardest?

Raphael Honigstein beschreibt in seinem Buch “Harder, better, faster, stronger. Die geheime Geschichte des englischen Fußballs“, wie er gleich in seinem ersten Spiel für das University College in London mitkriegte, was den englischen Fußball seit jeher geprägt hat. Ein dauergrätschender Gegner hinterließ bei ihm ein blutendes Loch im Unterschenkel, das die medizinische Abteilung bloß mit einem “Das wird schon wieder” kommentierte.
Fair Play und gesunde Härte: abgesehen vom atemberaubenden Tempo, das die meisten Spiele auszeichnet, sind es diese zwei Attribute, die im Zusammenhang mit dem englischen Fußball immer wieder genannt werden. Und deshalb ist auch die Diskussion um Martin Taylors Beinbruch-Tackling gegen Eduardo da Silva noch lange nicht zu Ende.
Während nicht nur Birmingham-Trainer Alex McLeish, sondern auch Ex-Spieler und Kommentatoren den Abwehrspieler verteidigten und von einem Foul sprachen, das in jedem Spiel mehrmals vorkomme, hat Martin Samuel in der Times in einem beachtlichen Kommentar beklagt, dass die Schiedsrichter in der Premier League brutalen Attacken gegenüber zu tolerant seien.
Und tatsächlich: Wäre Eduardos Verletzung nicht so offensichtlich gewesen, Referee Mike Dean hätte ihm möglicherweise nicht einmal die gelbe Karte gezeigt. Die Attacke passierte schon in der dritten Minute und welcher Schiri, zumal in England, will schon eine Partie von Anfang an “zerpfeifen”…
Dass das forsche Tackling von einem Verteidiger gemacht wurde, der bis jetzt wirklich nicht als brutaler Eisenfuß aufgefallen war, macht die Beurteilung der Situation schließlich nicht einfacher.
Mir ist bei dieser Gelegenheit eine Episode eingefallen, die in der Bobby Moore-Biographie von Jeff Powell über den am 9. Februar 2006 verstorbenen West Ham-Manager und englischen Teamchef Ron Greenwood (Bild links) erzählt wird:
West Ham, das von Ron Greenwood von 1961 bis 1974 trainiert wurde (anschließend war er bis zur Ernennung zum englischen Teamchef 1977 General Manager am Upton Park), gewann mit Greenwood als Trainer 1964 den FA Cup und 1965 den Europapokal der Cupsieger. Weitere Pokale oder gar ein Meistertitel blieben den Hammers verwehrt; ein sechster Platz war 1972-73 das höchste der Gefühle. In den Sechzigerjahren verlangte Mannschaftskapitän Bobby Moore von seinem Trainer äußerst dringend, einen harten Verteidiger zu verpflichten, und Greenwood fand diesen schließlich in der Person eines Schotten namens John Cushley. Für Greenwood war dessen rustikale Spielweise aber eine Zwickmühle:
“Ron knew in his heart that we needed someone to do some kicking … but he couldn’t bear watching”, beschrieb Bobby Moore das Dilemma des Managers. Und bei einem Spiel in Deutschland gegen Dortmund, in dem Cushley Siggi Held so lange abklopfte, bis dieser “die weiße Flagge hisste”, nahm Greenwood seinen Abwehrspieler in der Pause zur Seite und sagte: “John, I’ve bought you to be tough, but sometimes you’ve got to take it easy.”
Und zu Alan Stephenson, einem anderen harten West Ham-Verteidiger, meinte Ron einmal: “Alan, you can’t get stuck in that all the time. Sometimes you’ve go to read it, hold off, use your brain.”
West Ham stand stets für attraktiven, unterhaltsamen Angriffsfußball, und es war vor allem auch Ron Greenwoods Überzeugung, “flowing and open football” zu spielen. Für eine Attacke wie jene von Martin Taylor hätte Greenwood kein Verständnis aufgebracht, und mit ihm auch jene zehntausenden Fußballliebhaber nicht, die Ron Greenwood für das offensive Passspiel bewunderten, das er bei West Ham stets forcierte.
Mit dem Blick auf diese Anhänger meinte der spätere englische Teamchef einmal:
“The crowds at West Ham haven’t been rewarded by results, but they keep turning up because of the good football they see. Other clubs will suffer from the old bugbear that results count more than anything. [Andere Klubs leiden unter dem alten Schreckgespenst, dass Resultate mehr zählen als alles andere.] This has been the ruination of English soccer.”
Ein Kommentar, dem nichts hinzuzufügen ist!

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