Trend der Saison: Man spielt lieber auswärts

In Österreich ist man den internationalen Fußballtrends immer ein wenig hinterher, während die englische Liga oft eine Vorreiterrolle übernimmt. Das gilt auch für den neuesten, für die Zuschauer nicht sehr erfreulichen Trend, der auf Österreich zum Glück noch nicht übergegriffen hat:
So hat der SK Rapid Wien das letzte Mal im eigenen Stadion vor mehr als einem Jahr (am 1.12.2007) verloren und beweist also noch echte Heimstärke (Bild: “Block West” ganz in Grün am 24.8.2008 bei Rapid – Austria Wien 3:0) .
In England ist man dagegen drauf und dran, den sogenannten “Heimvorteil” zu verachten. Fabio Capello konstatierte nach dem überragenden 4:1-Auswärtssieg seines englischen Nationalteams über Kroatien, er sei sicher, die “Three Lions” spielten auswärts besser als daheim in Wembley. Und auch ein Blick auf die Tabelle der Barclays Premier League beweist, dass “at home” nicht mehr gleichbedeutend mit einer breiten Brust ist. Die “top three” haben alle eine bessere Auswärtsbilanz, und von den “top ten” nur Manchester United, Arsenal, Fulham und Portsmouth zu Hause bessere Resultate erzielt haben als in den Auswärtsspielen.
Everton zum Beispiel hat heuer erst einmal am Goodison Park gewonnen, während 6 Auswärtssiege zu Buche stehen.
West Ham startete zwar mit drei Heimsiegen in die Saison, seither warten aber auch die Fans am Upton Park bereits seit 6 Spielen auf einen vollen Erfolg. 2:11 lautet das Torverhältnis aus den letzten sechs Heimspielen bei 5 Niederlagen und einem Unentschieden, während die Auswärtsbilanz seit Gianfranco Zolas Amtsantritt mit 2 Siegen-3 Unentschieden-2 Niederlagen ausgeglichen ist.
Woran liegt es also, dass Englands Nationalteam ebenso wie viele Klubs in der Liga anscheinend auswärts besser spielen als daheim?
Matt Hughes meint in der Times, es liege vor allem an der überzogenen Erwartungshaltung der “home crowd”, die auf diese Weise eher eine Bürde als eine Inspiration für das Heimteam darstellt. Sowohl Liverpool als auch Chelsea wurden nach den Unentschieden in ihren jeweiligen Spielen gegen West Ham vom eigenen Anhang ausgebuht. Die Atmosphäre in den Stadien kann manchmal geradezu als giftig beschrieben werden, sofern sie nicht schlicht langweilig ist.
Vielleicht liegt die von vielen beobachtete mangelhafte Unterstützung des eigenen Teams daran, dass in den letzten Jahren durch immens gestiegene Ticketpreise das Profil des durchschnittlichen “supporters” eine starke Wandlung erfahren hat. Viele langjährige treue Fans wurden “out-priced”, wie das so schön heißt, und vor allem junge Anhänger, die früher besonders für Stimmung auf den Rängen sorgten, können sich die regelmäßige Live-Unterstützung ihres Teams oft schlicht nicht mehr leisten.
In das Bild des “Heim-Nachteils” passt auch diese Schilderung eines West Ham-Fans, der meint, der “support” bei Auswärtsmatches der Hammers sei besser als jener daheim am Upton Park – wobei auch er meint, die Unzufriedenheit auf den Rängen des Boleyn Ground habe mit der von den neuen Eigentümern geweckten – und längst entäuschten – Erwartung, um die Europacupplätze mitzuspielen, zu tun.
Der neueste Trend also lautet: Auswärts gute Stimmung unter den paar tausend “travelling fans”, die einen Sportplatzbesuch noch als Erlebnis zelebrieren wollen – und daheim vor dreißig oder vierzigtausend die Langeweile einer allzu kritischen Masse, in der es manche sogar als störend empfinden, wenn der Nachbar allzu oft aufspringt oder lauthals mitsingt. (Mancherorts hat man schon eine eigene “singing section” auf den Zuschauerrängen errichtet, um den leisen vom lauten Fan zu separieren…)
Fußballfans, quo vadis? fragt man sich da – und ist einmal froh, in Wien zu sein, wo der Heimvorteil im Hanappi-Stadion noch echt und die Gesänge von den Rängen nicht enden wollend sind!

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