Wer bitte ist Stoke?

Eine Frage, die man in den 60er- und 70er-Jahren so nicht gestellt hätte. Damals war Stoke City, der heutige Gegner von West Ham United (So, 15:00 MEZ), ständiges Mitglied der alten “First Division”.

Anfang der Sechzigerjahre kehrte England-Veteran Sir Stanley Matthews, der englische Dribbelkönig und erste Gewinner des Titels Europäischer Fußballer des Jahres (1956), zu seinem Stammklub zurück, bei dem er schon in den 30er-Jahren gespielt hatte. Er kickte noch bis 1965 für die als “Potters” bekannten Rot-Weißen, bevor er als Fünfzigjähriger abtrat. Zwei Jahre später gelang dem damaligen Langzeit-Manager Tony Waddington der nächste Coup mit der Verpflichtung von Tormannlegende Gordon Banks.

Mit dem Weltmeister von 1966 zwischen den Pfosten gewannen die “Töpfer” aus dem westenglischen Stoke-on-Trent 1972 den ersten bedeutenden Pokal für den Klub:

Nachdem man im Halbfinale des League Cups West Ham United erst im vierten Spiel (Hinspiel 2:1 für West Ham, Rückspiel 0:1, erstes Replay in Sheffield 0:0, zweites Replay in Old Trafford 3:2 für Stoke) ausgeschaltet hatte – wobei das entscheidende Spiel nicht ohne Heldentat seitens Banks über die Bühne gegangen war (“spectacularly palming a vicious penalty from his England team-mate Hurst over the crossbar”) – besiegte Stoke im Finale in Wembley den FC Chelsea mit 2:1 und holte sich den Ligapokal (rechts). Bis heute der größte Titel, dessen sich Stoke City rühmen kann.

Nachdem Gordon Banks bei einem Autounfall im Herbst 1972 auf dem rechten Auge erblindete und seine Tormannkarriere beenden musste, kam mit Peter Shilton der nächste große englische Tormann zu Stoke. Er blieb bis 1977 beim Klub, der in diesem Jahr in die zweite Division absteigen musste. Vorher aber spielten die “Rot-Weißen” mit Peter Shilton sogar noch um den Titel in der ersten Liga mit – schlussendlich reichte es zu zwei fünften Plätzen, der besten Platzierung, die Stoke City in der First Division jemals erreichen konnte.

In der Folge gaben sich bei Stoke, laut Fußballhistorikern der zweitälteste Klub der Welt (gegründet 1863 – ein Jahr nach Notts County), die Trainer die Klinke in die Hand. Während Tony Waddington 17 Jahre lang Manager bei den “Potters” gewesen war, folgten in den späten 70er- und in den 80er-Jahren im Jahresrhytmus diverse Coaches, die aber – nach einem zwischenzeitigen Wiederaufstieg in die erste Division (1979-1985) – den Abstieg von Stoke bis in die dritte Liga nicht verhindern konnten. Stoke City stellte beim Abstieg 1984/85 mit nur 17 Punkten und bloß drei Saisonsiegen sogar einen neuen Negativrekord für einen englischen Erstligisten seit Einführung der 3-Punkte-Regel auf. Erst mit Lou Macari, dem 1989 bei West Ham nach nicht einmal einer Saison zurückgetretenen Schotten, gelang Stoke 1992/93 wieder der Aufstieg in die zweite Liga. 1998 stieg man aber erneut in die dritte Liga ab, um schließlich erst 2002 wieder in die “Championship” aufzusteigen.

In der Zwischenzeit war der Klub nach 119 Jahren im alten Victoria Stadium in das neue Britannia Stadium, unter dessen Rasen die Asche von Sir Stanley Matthews ruht, übersiedelt und hatte ein isländisches Konsortium als Eigentümer bekommen. Die Isländer beschäftigten sogar von 1999 bis 2002 einen Isländer, Gudjon Thordarson, als Coach. Obwohl mit diesem 2002 endlich der Aufstieg gelungen war, engagierte die isländische Vereinsführung für die Saison 2002/03 einen neuen Cheftrainer, der aber bald danach durch den Waliser Tony Pulis (Bild links unten; BBC/Getty) ersetzt wurde, der – mit einer einjährigen Unterbrechung – bis heute Manager von Stoke ist.

Im Mai 2006 übernahm der lokale Geschäftsmann Peter Coates, der schon früher einmal zehn Jahre Vereinspräsident gewesen war, wieder die Mehrheit der Geschäftsanteile von den Isländern und kündigte an:
“Our first task is to build a side capable of challenging for the play-offs with the ultimate dream being making it to the Premiership.”

Mit einem 8. Platz in der Saison 2006/07 gelang Tony Pulis (Bild) zwar nicht schon im ersten Jahr unter der neuen Klubführung, was sich der Präsident gewünscht hatte. Aber schon in der nächsten Saison qualifizierte man sich mit einem zweiten Platz in der Championship für die erstmalige Teilnahme an der seit 1992 bestehenden Premier League.

Das erste Match in der ersten Liga seit 23 Jahren verlor Stoke gegen die Bolton Wanderers auswärts mit 1:3 und wurde von den Buchmachern schon nach einem Spiel als sicherer Absteiger gehandelt. Die “Potters” erfingen sich aber, schlugen im ersten Heimspiel den heutigen Liga-Vierten Aston Villa mit 3:2, remisierten gegen Liverpool und schlugen in Heimspielen in der Folge sogar Tottenham und Arsenal. So arbeitete man sich bis auf Platz 12 in der heuer ziemlich dichten Premier League hoch, rutschte aber nun – seit dem 22. November sieglos – wieder in die Abstiegszone. Im letzten Spiel – einer knappen 0:1-Heimniederlage gegen ManU (Torschütze: Carlos Tevez, 83.) – lieferte man den regierenden Champions im Britannia-Stadion jedenfalls einen harten Kampf und auf diese Leistung möchte Manager Tony Pulis aufbauen.
Auswärts sind die “Potters” aber alles andere als eine Macht. Neben Fulham sind sie das einzige Team, das noch keinen vollen Erfolg “away” verbuchen konnte. Nur drei Unentschieden gegen Newcastle, Wigan und – immerhin – Liverpool (0:0) stehen in der Auswärtstabelle zu Buche.
Insgesamt hat man aber schon 20 Punkte gehamstert, ist also weit davon entfernt, den Negativrekord von Derby County in der Vorsaison (Letzter mit nur 11 Punkten) zu gefährden.
1973 holte Stoke zuletzt einen Sieg bei West Ham am Upton Park. Die letzten Aufeinandertreffen von WHU und Stoke endeten in der Championship-Saison 2004/05 mit zwei West Ham-Siegen und auch in der letzten gemeinsamen Saison der beiden Klubs in der höchsten Spielklasse (1984/85) gelang West Ham ein Double gegen die “Potters”.

Auch wenn es Stoke an Qualität mangelt, um in der Liga vorne mitspielen zu können, gelang den Anhängern der Potters in einer im August, September und Oktober 2008 durchgeführten Untersuchung ein voller Erfolg: Die Stoke-Fans im 28.000 Zuschauer fassenden Britannia Stadium sind die lautesten in der Premier League - ein Durchschnitts-Lärm von 101.8 Dezibel während 90 Minuten wurde gemessen. (Laut Arbeitsmedizinern reicht eine Stunde wöchentlich mit einem Lärmpegel von 101 Dezibel übrigens, um “dauerhafte Gehörschäden” zu riskieren.)

Die prominentesten Spieler in der aktuellen No Names-Mannschaft des Premiership-Achtzehnten scheinen mir der senegalesische Abwehrspieler Abdoulaye Faye (kam von Newcastle), dessen Landsmann Ibrahima Sonko, der aus Jamaika stammende Stürmer Ricardo Fuller und der dänische Nationalkeeper Thomas Sørensen zu sein. Der frühere irische Nationalspieler Rory Delap (Bild rechts; PFA) ist für seine langen Einwürfe und allgemein für seine Assists bekannt.
Der englische Stürmer Dave Kitson brach in der sommerlichen Übertrittszeit zwar den Vereins-Transferrekord – £5.5 Mio kostete den Klub sein Wechsel von Reading -, bisher gelang dem rothaarigen Angreifer jedoch kein einziger Treffer für Stoke. Aufgrund einer Knieverletzung ist sein Einsatz gegen West Ham fraglich.
Stoke-Verteidiger Andy Wilkinson wurde gegen Manchester United ausgeschlossen. Er ist im Sonntags-Spiel gegen West Ham ebenso gesperrt wir Craig Bellamy bei den Irons nach seiner fünften gelben Karte.

Die Frage “Wer bitte ist Stoke?” sollte nun wohl beantwortet sein.

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