Parallelaktion

Die Leser meiner Seite wissen es: Mein Herz schlägt seit jeher für den SK Rapid und seit vielen Jahren bin ich auch ein überzeugter supporter der “Hammers” aus East London. Die beiden Klubs spielten in der Geschichte erst einmal gegen einander, im November 1955 trennte man sich mit einem freundschaftlichen 1:1 Unentschieden. Seither haben sich die Wege der beiden Klubs nicht mehr gekreuzt und auch die Erfolgsgeschichten sind durchaus unterschiedlich. Dennoch gibt es nicht wenige Parallelen – gerade auch in der Gegenwart.

Beide Klubs wurden als “Arbeiter-Klubs” gegründet: West Ham 1895 als “Thames Ironworks FC”, und Rapid 1898 als “1. Wiener Arbeiter Fußballklub”. Seit 1900 bzw 1899 tragen die Klubs ihre heutigen Namen. West Ham, das drei Jahre vor dem “Sportclub Rapid” (seit 1978 offiziell “SK Rapid”) gegründet worden war, spielt seit 1904 in seiner heutigen Heimstätte Boleyn Ground (Upton Park). Rapid übersiedelte erst 1911 nach Hütteldorf auf die Pfarrwiese.

Bei beiden Klubs stand am Anfang der Geschichte ein Farbenwechsel an: Die Grün-Weißen hatten in den ersten Jahren nach ihrer Gründung noch in Blau-Rot (wenn auch nicht in Claret and Blue) gespielt, während West Ham zunächst ganz in Dunkelblau aufgelaufen war.

Ein Stadionwechsel liegt bei Rapid erst 35 Jahre zurück, während West Ham seit mehr als 100 Jahren am Upton Park spielt. Die Grünen wechselten 1977 ins “Weststadion”, nunmehr Gerhard Hanappi Stadion (Fassungsvermögen derzeit 17.500). West Ham, das 1899 auf “claret and blue” als “Uniform” umstieg, spielt bis heute im alten, wenn auch natürlich mehrfach umgebauten “ground”, der ca. 35.000 Zuschauer fasst.

Veränderungen beim Stadion stehen bevor

Für beide Klubs stehen aber diesbezüglich Veränderungen an: West Ham wird sich in den nächsten Tagen voraussichtlich auch in der laufenden zweiten Ausschreibung für die Nachnutzung des Londoner Olympiastadions um die Stadionmiete bewerben und möchte dort den Unterrang über die Laufbahn hinaus mit transportablen Sitzreihen bis an das Spielfeld ausstatten. Und Rapid ist gerade dabei, als frischgebackener Pächter des der Stadt Wien gehörigen Hanappi Stadions dessen Ausbau zu einer modernen Arena zu planen.

Beispiellose Erfolgsgeschichte Rapids ab 1911

Nach der Übersiedlung auf die Pfarrwiese 1911 begann für den “SCR” eine beispiellose Erfolgsgeschichte, ab 1912 wurde man insgesamt 32 Mal österreichischer Fußballmeister (wobei die Meisterschaft in den ersten Jahrzehnten nur von den Wiener Klubs ausgetragen wurde, die aber damals in ihrer Spielstärke zweifellos weit über die Klubs aus den Bundesländern zu stellen waren). Dazu kommen 14 österreichische Cupsiege, ein deutscher Cupsieg (1938), eine deutsche Meisterschaft (1941) und auch internationale Erfolge: 1939 und 1951 gewann Rapid den Mitropacup.

Bei West Ham dagegen dauerte es bis 1919, bis man in die Football League Second Division aufstieg, und 1923 spielte man dann erstmals in der First Division. Im selben Jahr erreichte West Ham auch sein erstes FA Cup Finale, das erste im Wembley Stadion ausgetragene Cupfinale (sog. “White Horse Final”). Man verlor dieses 0:2 gegen die Bolton Wanderers. Nach 10 Saisonen in der ersten Liga stiegen die Ostlondoner 1932 wieder in die zweite Division ab. Erst ab 1958 gehört der Klub regelmäßig der englischen ersten Liga an.

Elite Era bei West Ham eigentlich erst ab 1958

Auch wenn man zwischendurch gelegentlich zurück in die “2nd Division” musste, ist West Ham seit 1958 zweifellos einer der großen Klubs in London. Unter dem späteren englischen Teamtrainer Ron Greenwood und seinem Assistenten und Nachfolger John Lyall hatte West Ham seine “glory years”, in denen man nicht nur Cupsiege feierte (FA Cup 1964, 1975 und 1980), sondern auch 1966 mit Bobby Moore, Martin Peters und Geoff Hurst sowohl den Kapitän als auch die beiden Torschützen im erfolgreichen WM Finale gegen Deutschland stellte. Am Upton Park heißt es über den englischen WM-Titel 1966 bekanntlich: “West Ham beat West Germany”. Die beste Ligaplatzierung für West Ham in der ersten Division war Platz 3 in der Saison 1985/86. In der Premier League war man 1998/99 Fünfter.

14 Jahre Durststrecke für Rapid

Während West Ham also seine beste Zeit in den 60er-, 70er- und 80er-Jahren hatte, gab es für Rapid in den 70er-Jahren eine lange, lange Durststrecke. Vom 25. Meistertitel 1968 bis zum 26. Erfolg 1982 dauerte es 14 Jahre!

Hans Krankl und Bobby Moore

Dennoch sind die Siebzigerjahre aus Rapid-Sicht eine große Zeit, denn schon damals spielte der legendäre “Hanse”, Torjäger Johann Krankl für Rapid und gewann den Goldenen Schuh, bevor er 1978 vorübergehend zum FC Barcelona wechselte. Er reiht sich ein in die zahllosen Legenden, die der SK Rapid in den mehr als 110 Jahren seines Bestehens in seine Reihen hatte: Pepi Uridil, Bimbo Binder, Alfred Körner, Ernst Happel, Walter Zeman, Gerhard Hanappi, Andi Herzog – um nur einige zu nennen! Nach seiner Rückkehr zu Rapid schoss Hans Krankl gemeinsam mit dem tschechischen Europameister Antonin Panenka den SK Rapid ins Europacupfinale der Cupsieger 1985. Ebenso wie Krankl bei Rapid in den Siebzigern und Achtzigern gibt es auch bei West Ham einen legendären Spieler, der in den 60er- und 70er-Jahren alles überstrahlte: den englischen Teamkapitän und Weltmeister Bobby Moore.

Je zweimal im Finale des “Cupsieger-Cups”

Apropos Cupsiegercup: Hier findet sich eine Parallele zwischen den beiden Klubs, denn sowohl West Ham wie auch Rapid standen bisher zweimal in europäischen Cup-Finali. West Ham gewann 1965 den Cup der Cupsieger gegen 1860 München 2:0 (in Wembley) und verlor das Finale desselben Bewerbs 1976 gegen Anderlecht 2:4 (Brüssel). Rapid schaffte es ebenfalls in zwei Cupsieger-Finali, 1985 unterlag man dem FC Everton 1:3 (Rotterdam) und 1996 Paris-SG 0:1 (das Finale fand wie West Hams zweites Finale in Brüssel statt).

Aktuelle Parallelaktionen

Womit wir uns der Gegenwart und den Saisonerwartungen für die laufende Spielzeit nähern, denn das war eigentlich der Anstoß, die Parallelen zwischen den beiden Klubs aufzuzeigen. Es gibt da interessante, anfangs durchaus optimistisch stimmende Parallelaktionen: Das letzte Mal, als West Ham aufstieg, wurde nämlich Rapid Meister (2005), und ebenso war es auch schon beim ersten Aufstieg der Hammers in die erste Division 1923, als Rapid ebenfalls die Meisterschaft gewann. Und bekanntlich wird Rapid ja heuer – allen Unkenrufen zum Trotz – Meister in Österreich, weil Kapitän Steffen Hofmann wieder Nachwuchs bekommen hat. Die letzten beiden Kinder des Rapid-Skippers bescherten 2005 und 2008 den Grünen auch den Meistertitel, und so hofft man, dass es nach der Geburt eines Sohnemannes wieder einen Meistertitel zu feiern gibt!

Unentschieden-Spezialisten

Leider haben sich die Parallelaktionen trotz Meisterschafts- und Aufstiegsoptimismus mittlerweile etwas ins Gegenteil verkehrt: Sowohl die Hammers als auch die Rapidler gelten nunmehr als Unentschieden-Spezialisten. Eine zweifelhafte Ehre, die aufgrund der Drei-Punkte-Regel dazu führt, dass man – obwohl ungeschlagen – tabellenmäßig leicht ins Hintertreffen gerät. Rapid hat nach 25 Runden, vor dem Mittwoch-Abendspiel gegen Kapfenberg, 12 Unentschieden (bei 9 Siegen und 4 Niederlagen) auf dem Konto und macht mit einem Torverhältnis von 33:23 dem gelegentlich noch gebrauchten Titel “Kanoniere” diesmal keine besondere Ehre.

Und ähnlich schlimm ist es auch bei West Ham, das am Dienstag-Abend das fünfte Heimspiel hinter einander remisierte (1:1 gegen Middlesbrough). Die im eigenen Stadion wieder ausgebuhten Hammers sind zwar nun seit 9 Spielen ungeschlagen, von diesen konnten sie aber nur drei gewinnen! Kein Wunder, dass die “Irons” gestern mit Buh-Rufen bedacht wurden und den “automatic promotion spot” in der Ligatabelle nicht mehr innehaben. Man ist schon am letzten Wochenende hinter Southampton und Reading auf Platz 3 zurückgefallen (wenn auch mit einem Spiel weniger). In 37 Spielen schafften die ebenso wie Rapid an einer “Stürmerkrise” leidenden Hammers 19 Siege und 11 Unentschieden und verloren siebenmal.

Da treffen sich nun auch die zahlreichen Buh-Rufer am Upton Park mit dem Fanboykott, den Rapid in der ersten Saisonhälfte und auch noch beim Derby im Februar im Prater (0:0) hinnehmen musste…

Stürmerkrise

Auch die Stürmerkrise ist – leider – eine aktuelle Parallelaktion: Kein Spieler hat bei West Ham bisher mehr als 9 Tore geschossen. Die klubinterne Schützenliste führen Carlton Cole und Kevin Nolan (je 9) vor Elfmeterschütze Mark Noble (7) an. Bei Rapid sieht es ähnlich aus: Mittelfeldstar Steffen Hofmann und Stürmer Adte Nuhiu halten beide bei nur 6 Toren, dahinter kommen Trimmel und Burgstaller mit nur 4 Treffern bisher.

Rapid hat am Mittwoch Abend Gelegenheit, diese aktuell traurige Parallelaktion zu beenden und gegen Tabellennachzügler Kapfenberg endlich einmal einen “emphatic win” einzufahren, auf den man bei beiden Klubs schon so lange warten muss. Aber West Ham spielte vor kurzem gegen den Vorletzten Doncaster auch nur 1:1 zu Hause…

Als derzeit nicht besonders regelmäßigem Matchbesucher kommt es mir überhaupt vor, als läge der letzte Torjubel “live” schon Jahrzehnte zurück! In den letzten Spielen meiner Herzensklub habe ich “live” nur 0:0 oder Niederlagen miterlebt. Wird Zeit, dass sich was ändert!

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