Mr. Moon has left the stadium

West Ham United gegen Swansea – schon in der letzten Saison im Februar habe ich dieses Spiel live im “Boleyn Ground” von West Ham gesehen. Und nun steht die Paarung wieder auf der “fixture list”, als wir Anfang Dezember nach London fliegen.

Und wie damals wird es knapp mit der rechtzeitigen Ankunft im Stadion, denn der Zug der District Line muss wie üblich minutenlang auf offener Strecke warten, bis sich die Station Upton Park von den Fahrgästen des vorigen Zuges geleert hat. Dann endlich raus aus der “Tube” und rauf auf die Green Street, die zum Stadion führende Straße mit den indischen und pakistanischen Geschäften und den zahllosen Friseurläden. Keine Zeit für einen Pie in Ken’s Café oder ein “Ale” oder “Lager” im Boleyn Pub. Die Klubhymne “Bubbles” wird schon gespielt, als wir bei der Haupttribüne mit den zwei großen Türmen ankommen und die vielen Stufen zum “upper tier” hinaufhasten. Aber keine Sorge, das Lied mit dem fatalistisch-selbstironischen Text “I’m forever blowing bubbles… They nearly reach the sky, but then they burst and die” wird nicht nur während des Spieles immer wieder von den Fans angestimmt werden; die Platte könnte der Stadionsprecher auch nach dem Match wieder auflegen – aber nur im Falle eines Sieges!

Mit einem solchen rechnen wir zwar diesmal, doch als “West Ham supporter” war man in den letzten Jahren durchaus Kummer gewöhnt und konnte nie sicher sein, dass die Hammers einen nicht wieder enttäuschen würden. Aber heuer scheint alles anders zu sein: “Same old West Ham” gibt’s nicht mehr, das Team von Trainer-Haudegen “Big Sam” Allardyce liegt im Spitzenfeld der Premier League und mit einem Sieg könnte man vorübergehend sogar auf Platz 3 vorstoßen! Der Spielstil hat sich gewandelt, keine Spur von “long balls” und “kick and rush” mehr, die Truppe spielt endlich wieder ein attraktives offensives “passing game” und bei Ballverlust wird meist gleich wieder attackiert und kein Ball verloren gegeben. Barcelona-Leihgabe Alex Song ist der stärkste Mann im neuen Mittelfeld und mit Diafra Sakho – heute nach einer Verletzung zunächst nur Ersatz – hat man eine wahre “goal machine” aus der zweiten französischen Liga geholt. Seit kurzem ist auch “record signing” Mittelstürmer Andy Carroll nach langer Verletzungspause wieder dabei, aber diese Saison bisher noch ohne Torerfolg.

Das sollte sich heute ändern – und wie!

Doch zuerst gehen die Gäste aus Swansea in Führung. Nachdem die ersten West Ham-Angriffe an diesem Sonntag-Nachmittag nichts einbringen, spielt plötzlich Swansea die Hammers-Abwehr aus und Wilfried Bony braucht nur mehr zum 1:0 den Ball ins Netz zu schieben.

Jetzt bekommt auch “Mr. Moon” seine Durchsage: er soll sich laut Platzsprecher im Stadion befinden, nach ein paar Minuten heißt es aber schon wieder: “Mr. Moon has left the Stadium”. Falscher Feueralarm also, und auch Swanseas Führungstreffer braucht den West Ham-Anhang nicht wirklich zu beunruhigen.

Denn West Ham, das heuer in den seit fast 30 Jahren nicht mehr verwendeten Dressen mit den dünnen hellen Querstreifen auf dem traditionellen Weinrot spielt, hat derzeit eine Qualität, die man oft vermissen musste bei diesem Team: nach einem Rückstand wird in dieser Saison auf keinen Fall aufgesteckt! Und diesmal ist es endlich Andy Carroll vergönnt, mit einem platzierten Kopfball sein erstes Tor in dieser Saison und damit den Ausgleich zu erzielen. Nach der Pause kommt es dann noch besser: wieder steigt die Nummer 9 am höchsten und ein kraftvoller Kopfball geht zum 2:1 ins Netz. Torchance um Torchance hat es schon vorher gegeben, zweimal hat der zur Pause eingewechselte Sakho die Stange getroffen und er wird auch Opfer eines Torraub-Fouls, das zum Ausschluss von Swansea-Keeper Fabianski führt, der durch Ex-Rapid Wien-Goalie Tremmel ersetzt wird.

Blowing Bubbles: Andy Carroll man of the match

Vom Zittern vor einem Ausgleich, für den es eigentlich wenig Grund gibt, befreit uns dann eben dieser Sakho: er wird von – ja, genau – “man of the match” Andy Carroll (im Foto links nach dem Spiel) freigespielt und der senegalesische Stürmer trifft den Ball mit einer Wucht, dass er bis zur Themse weiterfliegen würde, wenn da nicht das Tornetz wäre – 3:1 und der Wiederholung von “Bubbles” nach dem Schlusspfiff steht nichts mehr im Wege!

Weil’s so schön war, wird die Hymne sogar gleich zweimal abgespielt und danach gibt’s auch noch “Twist and shout”, während der zufriedene Anhang sich zur hoffnungslos überlasteten U-Bahn begibt. “Bis Morgen sind wir Dritter”, jubelt man nach dem überzeugenden Sieg, und der traditionsbewusste Fan weiß, dass an diesem lange vermissten Höhenflug auch die aktuellen Dressen schuld sind: 1985/86 spielte West Ham in denselben Adidas-Leiberln wie in dieser Saison und die “boys of 86″ erreichten die bisher beste Platzierung in der Liga für West Ham, Platz 3 in der alten “first Division”.

Wenn man nun über die spielereiche Weihnachts- und Neujahrszeit weiter fleißig Punkte sammelt und entgegen dem Sprichwort “West Ham is coming down with the Christmas decorations” auch im Frühjahr Konstanz zeigt, dann könnte in East London in der kommenden Saison nach fast 10 Jahren erstmalig wieder “europäischer Fußball” gespielt werden. Das wäre ein wahrhaft würdiger Abschluss für die mehr als hundertjährige Geschichte von West Hams aktueller Heimstätte “Boleyn Ground” – 2016 wird sich der Klub von dort verabschieden und in das umgebaute Olympiastadion übersiedeln.

One Comment:

  1. rapidhammer said...

    Video: http://www.footytube.com/video/west-ham-united-swansea-city-dec07-319380?ref=tchan_ov_vidgrid

    Posted December 11, 2014 at 8:11 AM | Permalink

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