West Ham vs Tottenham: ein überwältigendes Erlebnis

Nachdem das vorletzte Spiel dieser Saison im neuen “London Stadium” einen großartigen 1:0-Sieg der “Hammers” gegen Tottenham gebracht hatte, verpatzte West Ham den Saisonabschied von den Heimfans eine Woche später: 0:4 daheim gegen Liverpool. Aber der Abstieg ist spätestens seit dem Sieg gegen die Spurs kein Thema mehr, die erste Saison nach der Übersiedlung  ins neue Stadion wird West Ham auf einem Tabellenplatz zwischen 11 und 16 abschließen – je nachdem, wie das allerletzte Spiel auswärts gegen Burnley ausgeht.

Der 1:0-Derby-Sieg über die Spurs am Freitag Abend, 5.5.2017, war zweifellos eines der beeindruckendsten Spiele dieser Saison. Die West Ham-Fans haben sogar davon gesprochen, es sei dieser Abend gewesen, an dem das Olympiastadion eine wirkliche Heimstätte geworden ist: “this game the London Stadium became home”, hieß es. Von diesem Match, das sein allererster Besuch bei West Ham United war, hat uns Gustav Weigel den folgenden Bericht aus London mitgebracht.

Vorweg: Meine Eindrücke vom Spiel West Ham United gegen Tottenham Hotspur wurden bedingt durch die Tatsache, dass es sich dabei auch um meinen ersten Besuch Londons gehandelt hat, zusätzlich verstärkt. Allein die schiere Größe dieser Stadt in Verbindung mit der Tatsache, dass es praktisch an jeder Ecke Sehenswürdigkeiten – dazu zählen beispielsweise auch die klassich britischen “Ziegelbauten” – zu sehen und eine andere Kultur zu erleben gibt, war beeindruckend.

Bereits die Anreise zum London Stadium per U-Bahn war ein besonderes Erlebnis. Die “tube” blieb – bedingt durch das “Aufhalten” der Türen durch einsteigende Fans, um auch Nachkommenden die Mitfahrt zu ermöglichen – oft minutenlang in den diversen Stationen stehen. Die Zusteigenden wirkten während der Fahrt voller Vorfreude, allerdings dennoch locker und ruhig in ihren Gesprächen. Allgemein gewann man den Eindruck, dass es sich dabei eher um bedreundete Arbeitskollegen handelt, die zufällig den gleichen Heimweg haben, nicht jedoch zwingend um Personen auf dem Weg zu einem Fußballstadion. Dies sollte sich mit Erreichen der Stratford Station allerdings schlagartig ändern: wie auf stillen Zuruf wurden bei Verlassen der “tube” plötzlich Schlachtgesänge angestimmt, die auch am Fußweg zum London Stadium nie abbrachen.

Die Kontrollen im Eingangsbereich des Stadions konnten wir schnell hinter uns bringen. Auffallend – sowohl vor dem als auch im London Stadium – war, dass relativ wenige Fans mit Fanartikeln ausgestattet waren. Nur vereinzelt sah man Personen mit Trikots; war dies der Fall, handelte es sich oft um frühere Trikots von Spielern wie Julian Dicks oder Carlos Tevez; nur ganz selten sah man auch einen “Noble” oder “Carroll” herumspazieren.

Wer nur die Atmosphäre in österreichischen und manchen deutschen Stadien kennt, konnte anfangs – trotz der etwa 55.000 Zuschauer – womöglich über die Gelassenheit im Stadion verwundert sein: die Angestellten der Getränkestände wirkten in keiner Weise gestresst oder unter Zeitdruck und erledigten ihre Arbeit in aller Ruhe, die “Durstigen” waren nicht ungeduldig und nutzten die Zeit - selbst unmittelbar vor Anpfiff noch – für Gespräche und Plaudereien. Wundersamerweise waren die Sitze im Stadion aber dann rechtzeitig zum Einmarsch der Mannschaften beinahe alle besetzt – wobei die Sitzplätze eher nur der Zuordnung der Personen im Stadion dienen, denn als tatsächliche Sitzgelegenheiten; gesessen ist an diesem Abend über die gesamte Spielzeit niemand!

Meine durch das Vorhandensein der Laufbahn im Stadion begründete Angst, die Stimmung könnte sich dadurch nicht so stark entfalten, stellte sich als völlig unbegründet, im Nachhinein sogar als lachhaft heraus. Durch den Aufbau von Zusatztribünen über dieser Laufbahn (“retractable seating”) ist auch im London Stadium der typische Charme englischer Stadien weitgehend gewährleistet, der durch das extreme Heranreichen der Zuschauerplätze an den Spielfeldrand entsteht. Beim Einmarsch der Manschaften selbst kam dann wirkliches Gänsehautfeeling auf, als die Vereinshymne “Bubbles” und anschließend “Come on you Irons” zeitgleich aus etwa 55.000 Mündern erschallte. Ein Knistern war zu spüren.

Auffallend war, dass es – über das gesamte Spiel – keine einstudierten Choreographien oder “Anpeitscher” gab; die Stimmung ergibt sich vielmehr von selbst und auf natürliche Art und Weise, nur gefördert von der Leidenschaft der Zuseher für ihren Verein. Dies stellt für mich einen angenehmen Kontrast zum “Festland-Fußball” dar. Man bekommt den Eindruck, dass in England der Fußballsport selbst, das Geschehen auf dem Spielfeld mehr im Vordergrund steht.

Das Spiel selbst begann mit einer Druckphase von West Ham United, Tottenham fand anfangs überhaupt nicht ins Spiel und war bemüht, den Ball vom eigenen Strafraum wegzuhalten. Es handelte sich um eine relativ schnell geführte Partie, in der West Ham United zunächst den Takt vorgab. Wirkliche Großchancen waren allerdings zunächst Mangelware. Im Laufe des Spiels fand Tottenham mehr in die Partie und das Spiel wurde Mitte der ersten Halbzeit zusehends umkämpfter.

Auch auf den Tribünen machte sich dies durch nunmehr noch intensivere Anfeuerungen bemerkbar. Man hatte das Gefühl, dass die Fans wussten, dass die Mannschaft sie in dieser Phase braucht. In den letzten 15 Minuten vor der Pause verflachte das bis dahin sehr gute Spiel ein wenig, nahm aber unmittelbar nach Wiederbeginn wieder Fahrt auf.

Mitte der zweiten Halbzeit traf Lanzini für West Ham aus kurzer Distanz, nachdem der Ball ihm über einige Umwege und ein wenig glücklich vor die Füße fiel. Für die Zuschauer zählte nur das Tor, das alle Dämme brechen ließ: Tosender Jubel auf den Tribünen, die Freude kannte keine Grenzen. Wer den Jubel aus Stadien in Deutschland oder Österreich kennt: für mich persönlich waren weder die dort vorherrschende Lautstärke noch die Intensität in irgendeiner Weise mit dem Jubel nach diesem Lanzini-Treffer vergleichbar. Eine derartige Stimmgewalt durfte ich noch in keinem Stadion live miterleben. Eine überwältigende Erfahrung.

Die Führung für West Ham war zu diesem Zeitpunkt verdient, zumal die “Hammers” bis zu diesem Zeitpunkt mehr vom Spiel hatten und druckvoller agierten. West Ham zog sich danach gefühlt ein wenig zurück, überließ Tottenham das Feld und versuchte den Vorsprung zu verwalten. Dies führte zu einer Druckphase von Tottenham, die ihrerseits den Sieg benötigten, um weiter realistische Chancen auf den Meistertitel zu haben.

In der Schlussphase warf Tottenham noch einmal alles nach vorne und kam zu einigen Chancen, die Adrian im Tor der “Irons” alllerdings überragend vereitelte. Die anfängliche Dominanz von West Ham wandelte sich gegen Ende des Spiels in eine Verteidigungshaltung gegen die Anstürme Tottenhams. Auf der Tribüne verband die Zuschauer nun nicht mehr die Freude über den Führungstreffer, sondern die Befürchtung, dass West Ham den Vorsprung nicht über die Zeit retten könnte. Das große Zittern begann und dauerte auch noch weit länger als bis zum Ende der regulären 90 Minuten. Die 5-minütige Nachspielzeit wurde seitens des Schiedsrichters sogar auf sieben oder acht Minuten ausgedehnt.

Die Erlösung dann mit dem Abpfiff, der Sieg war endgültig gesichert! Jubel brandete erneut auf, “Bubbles” ertönte noch einmal. Wieder war dieses Knistern zu spüren, diese staeke innere Verbundenheit der Zuschauer mit ihrer Mannschaft.

Das Stadion leerte sich nun relativ zügig und es ging zurück zur Stratford Station, um endgültig den Heimweg anzutreten. Der Weg zurück wurde von Polizisten gesichert, darunter einigen berittenen. Man begegnete sich freundlich und höflich. Vereinzelt wurden sogar die Pferde von den Fans gestreichelt und mit den Polizisten geplaudert. Die Stimmung war durchwegs friedlich.

Abschließend kann ich sagen, dass der Besuch bei West Ham United ein besonderes Erlebnis war. Besonders beeindruckend war diese spürbare Verbundenheit der Fans mit der Mannschaft und die Tatsache, dass der Fußballsport von den Anhängern dort so richtig mit jeder Faser des Körpers gelebt wird.

West Ham hat aufgrund dieses Stadionbesuchs jedenfalls einen neuen Fan dazugewonnen.

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